Karl Schawelka: Die Handlungsmacht des Betrachters – Kunstausstellungen und ihr Publikum
Rezension von Susanne Wied – Deutsches Farbenzentrum
Der Kunstwissenschaftler Karl Schawelka nimmt uns mit auf eine Reise durch die Welt der Kunstausstellungen, der Kunstrezeption und ihrer visuellen und physischen Perzeption.
Als langjähriger Experte der Szene und des kunstwissenschaftlichen und Ausstellungsbetriebes reicht sein profundes Wissen von der antiken Kunst bis zur Gegenwartskunst. Darüber hinaus hat er sich als interdisziplinär forschender Geist auf den Weg gemacht, um diese Gebiete auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft einzubeziehen in seine Überlegungen, ob, wie und in welchen Kontext die Betrachtung des Ausstellungsbesuchers in die Kunstkritik mit einzubeziehen ist. Schawelka spricht von Set und Setting, also den inneren Prozessen der Wahrnehmung zu äußeren Bedingen des Kunstwerkes als solchen und seiner Präsentation im Ausstellungsbetrieb.
Man könnte auch von Voraussetzungen des Innen und Außen, Subjektes und Objektes sprechen.
Viel Wert legt er auf die Darstellung neuronaler Vorgänge mit ihren wechselwirkenden Prozessen der Neurotransmitter als Auslöser bzw. Bewirker von emotionalen/physischen Reaktionen. Es wird also nicht ausschließlich das Kunstwerk als solches und dieses im Kontext der Ausstellungsumgebung als Wirkmacht beschrieben, wie gängig im Kunstbetrieb üblich, sondern auch das Subjekt als quasi biochemischer Resonanzraum. Wer (Betrachter) dann mit was (Kunstwerk) in Austausch tritt, wird variantenreich und auch historisch eingebettet auf hohem Niveau abgehandelt.
Die Leser erfahren nebenbei auch noch von den Abnutzungseffekten früherer skandalumwitterter revolutionärer Kunst, die heute als verbraucht und im schlimmsten Fall als passé oder langweilig rezipiert wird. Das liest sich sehr unterhaltsam und geistreich.
Also egal, von wo die Leser starten: etwas Neues und Interessantes ist immer dabei.
Das Buch ist vom Stil her ein recht freies Schreiben, das sich nicht mehr methodisch bindet, jedoch wissenschaftlich fundiert ist. Ein Vorteil, wenn der Autor nichts mehr im Universitätskosmos erreichen muss. Wir können seinen Gedankengängen folgen, ohne auf eine direkte kommerzielle oder wissenschaftliche Verwertungsabsicht zu stoßen. Dabei können sich der Leser mit ihren eigen Vorerfahrungen und -kenntnissen eindenken. Vorausgesetzt wird aber eine eigene, zumindest in einem der beschrieben Gebiete fachliche Expertise, die dann open minded um die jeweils anderen Felder erweitert wird.
Wer sich mit Kunst und ihrem Ausstellungsbetrieb befasst, hält ein umfangreiches und hoch qualifiziertes Werk in Händen. Wer einfach nur gern voraussetzungslos zum Freizeitvergnügen in Ausstellungen geht, wir hiermit keinen Spaß haben. Und sollte sich denselben dann auch nicht verderben. Mit Humor wird die durchaus elitäre westliche, globalisierte Kunstszene durchleuchtet. Aber es werden auch Kriterien genannt, wann in welcher Epoche was als Kunst galt oder gilt. Eine Glaskugel, wohin die Reise geht, hat auch unser Autor nicht. Und ob die Betrachtenden dabei in freier Handlungsmacht vorgehen, und/oder als soziale Wesen mehr oder weniger dem Gruppendruck folgen, mögen die Leser für sich selbst interpretieren. Genug Information und Wissen hält die Lektüre dazu bereit.
zur Person:
Karl Schawelka ist emeritierter Professor für Kunstgeschichte an der Bauhaus-Universität-Weimar. Früherer Vorsitzender des Deutschen Farbenzentrums, heute Ehrenvorsitzender.
Das Buch: 471 Seiten, Bauhaus Universitätsverlag, 2025
