Vorgetragen am 6. Oktober 2012 im Rahmen von „Im Medium Farbe – 50 Jahre Deutsches Farbenzentrum“

Ich kenne das Farbenzentrum seit 16 Jahren. Was mir im Farbenzentrum von Anfang an Kopfschmerzen bereitet hat, ist zugleich das, was ich besonders an ihm schätze. Mit diesem Statement möchte ich es würdigen, und knüpfe dabei an ein Gedicht von Friedrich Schiller an.

Friedrich Schiller: Die Teilung der Erde

„Nehmt hin die Welt!“ rief Zeus von seinen Höhen
Den Menschen zu. „Nehmt, sie soll euer sein!
Euch schenk ich sie zum Erb und ewgen Lehen –
Doch teilt euch brüderlich darein!“

Da eilt‘, was Hände hat, sich einzurichten,
Es regte sich geschäftig jung und alt.
Der Ackermann griff nach des Feldes Früchten,
Der Junker birschte durch den Wald.

Der Kaufmann nimmt, was seine Speicher fassen,
Der Abt wählt sich den edeln Firnewein,
Der König sperrt die Brücken und die Straßen
Und sprach: „Der Zehente ist mein.“

Ganz spät, nachdem die Teilung längst geschehen,
Naht der Poet, er kam aus weiter Fern –
Ach! da war überall nichts mehr zu sehen,
Und alles hatte seinen Herrn! – – –

Den Schluss kürze ich ab.
Wo kam der Poet her: Der Poet hatte sich nirgendwo anders aufgehalten als bei Zeus selbst.
„Mein Auge hing an deinem Angesichte,
An deines Himmels Harmonie mein Ohr.
Verzeih dem Geiste, der, von Deinem Lichte
Berauscht, das Irdische verlor.“

„Was tun“, spricht Zeus, „die Welt ist weggegeben,
Der Herbst, die Jagd, der Markt ist nicht mehr mein.
Willst du in meinem Himmel mit mir leben –
So oft du kommst, er soll dir offen sein.“

Was Schillers Gedicht über das Farbenzentrum beziehungsweise meine Wahrnehmung des Farbenzentrums zu sagen vermag, möchte ich mit folgender Interpretation deutlich machen, die den Wortlaut entsprechend aktualisiert:

Die Teilung der Farbe

„Die Farbe nehmt!“ rief Zeus von seinen Höhen
„Farbenzentrum, nimm, sie soll euer sein!
Euch schenk ich sie zum Konferenz-Geschehen,
Interdisziplinär soll´s aber sein!“

Da eilt‘, was Lehrstuhl hat, sich einzurichten,
Es referiert geschäftig jung und alt.
Physiologie greift nach der Netzhaut Schichten,
Die Farbmetrik erforscht den Maßgehalt,

Marktforschung nimmt, was die Statistikn fassen,
Die Kunstgeschicht brilliert zum Schönen Schein,
Gehirnforschung sperrt die Erfahrungsstraßen
Und spricht: „Die Farbe kann nicht sein,“

Ganz spät, nachdem die Teilung längst geschehen,
Naht der Benad, er kam aus weiter Fern –

… er kam, wie viele andere empfindsame Gemüter, aus jener sinnlich farbigen Welt, die man nicht denken kann, sondern empfinden muss, um sie zu begreifen. Und er sagte in seinem ersten Vortrag im Farbenzentrum mit dem Titel „PCS – poetic colour system“:

„Rede nicht über Farben.
Erzähl von ihnen, wie von einem guten Bekannten.
Am besten wie von Dir selbst.“

Auf der Farbinfo fand ich viele Menschen, die nicht von Farben erzählten, sondern – in Abwesenheit von Farbe – über dieselben redeten. Oft nicht einmal über Farben, sondern über das, was man im Zusammenhang mit dem Phänomen Farbe in verschiedensten Disziplinen anstellen kann. Die existentielle Erfahrung Farbe trat in den Hintergrund, es ging eher um Existenzsicherung durch Berufstätigkeit im Zusammenhang mit Tätigkeiten, die sich vom Vorhandensein des Farbphänomens ableiten lassen.

Im Laufe der Jahre wurde mir klar, dass der Antagonismus „Reden über“ und „Erzählen von“
– das Grundproblem des reflektierenden Umgangs mit unserer lebensweltlichen Erfahrung ist,
– zugleich das Grundproblem einer sich vom Phänomen entfernenden modellbasierten Wissenschaft,
– aber auch ein Grundproblem des Sich-Verständigens und Sich-Verständlichmachens,
– des Teilens und Mitteilens von Bewusstseinsinhalten – also von Sprache.

Ich nehme diesen Antagonismus als die treibende Kraft des Farbenzentrums wahr. Und da er auf Tagungen und Konferenzen eher selten reflektiert wird, hat dieser Antagonismus das Zeug, auch weitere 50 Jahre treibende Kraft zu sein.
Und in jedem Vortrag über Farben höre ich den Gegenspieler des Poeten, den Pragmatiker, sinngemäß sagen:

„Verzeih dem Geiste, der, von Machbarkeit
berauscht, das Himmlische verlor.“

Ich fand nicht nur Menschen, die über Farben redeten, sondern ich fand Menschen, die über Farben redeten – und zwar ganz konkret mit mir! Jedes Farbenthema war verbunden mit einem Gesicht, einer Geschichte, einer lebendigen Begegnung und Auseinandersetzung weit über den Vortrag hinaus. Darum fühlte ich mich von Anfang an im Farbenzentrum wohl. Das hängt zusammen mit dem Respekt und dem Interesse, welche die Mitglieder füreinander aufbringen, und mit dem starken Willen zum Dialog zwischen Menschen über Fachgrenzen hinweg.

Farbe – als Sinnesempfindung – ist ein Akt des Hinauswachsen über die eigenen Grenzen, der Begegnung, der seelischen Interaktion zwischen dem, was wir (in vorwissenschaftlicher ebenso wie in fachwissenschaftlicher Naivität) „da draußen“ die Welt nennen und zugleich (nicht minder naiv) „drinnen“ als intimen Teil unserer selbst erleben (oder gar für ein Produkt „unseres Gehirns“ halten, ohne dabei allerdings die nicht triviale Frage zu beantworten, wie „unser Gehirn“ im Verältnis zu „uns“ steht…).
Diese ureigensten, faszinierenden, rätselhaften Qualitäten des Farbigen waren also eher selten Thema der Vorträge, und viele nachdenkliche und sensible Gemüter sind darüber enttäuscht.
Doch genau diese ureigensten Qualitäten des Farbigen sind im Miteinander der Vereinsmitglieder Realität. Das Farbige ist immer anwesend, aber auf einem anderen Schauplatz. Schillers Gedicht könnte dementsprechend schließen:

„Was tun“, spricht Zeus, „die Themen sind vergeben:
Frequenzen, Hirne, Gene sind nicht mein.
Willst Du in farbiger Gemeinschaft leben:
Das Farbenzentrum soll Dir offen sein.“