Die Interiors der PKWs gleichen nicht mehr einer mit bunten Klecksen versehenen Sportboutique oder gar einem sich vornehm gebenden rollenden Salon.

Eher mutiert das Innere zu einem auditiv-visuellen, technoiden, praktischen Medienraum oder einer subtropisch anmutenden, warmgetönten, semi-bequemen Lounge.

Das kräftige Getöse schreiender omnipotenter Kraftmerkmale innerer und äußerer Erkennungszeichen ist erst einmal vorbei. Das ehemals Laute der signalgebenden Artefakte weicht so allmählich geflüsterten Andeutungen.

Libidinöse Merkmale fehlen.

Das Auto als Potenzmittel zu nutzen, sozusagen als Viagra-Ersatz alternder oder jugendlicher Beschleunigungsfetischisten ist uncool, out und geächtet.

Was ist geschehen? Die Automobilindustrie hat von der Wirklichkeit, der augenblicklichen und der Branche recht bösartig gesonnenen, Kenntnis und von der Plünderung der Ressourcen, so erklärt sie, Abstand genommen. – Bis auf (ein bisschen) Weiteres.

 Wann endlich wird umprogrammiert?

Verinnerlicht hat sie das bisher noch nicht wirklich.
– Die Vorstands- und Aufsichtsratsklone sind noch nicht umprogrammiert.
Benzindampf und Reifenqualm vernebeln die Sinne. Geschwindigkeits-Ekstasen und Affentempo-Euphorien machen süchtig.

Die Nachahmungsfreude der Automobilisten und der Hersteller verhindert bislang und zukünftig Fortschritt. Klauen und Stibitzen gehören zum Handwerk. Forschen ist Ausforschen, Innovation eher Adaption, Originalität strotzt vor Gewöhnlichkeit. Gleichheit ist unübersehbar schöner als Differenzierung.

Albern die Ingenieur-Comediens torkelnd herum?

Die Marken und Autos sind sich so ähnlich wie die Mitglieder abgeschieden lebender Gebirgsclans, die ihre Eigenheiten auf Deubel-Komm-Raus weitervererben. Jeder erfolgreiche Hup-Ton oder Motoren-Sound ist nach kürzester Zeit ein konzertantes, uni-sonohaftes Globalereignis. Grinsende Autofronten oder sehnige, keilförmige, oder angerundete Silhouetten stellen gängige Ergebnisse der Ingenieur-Clowns dar, die gestylte Design-Plattitüden für ironische Absicht ausgeben.

Gerade, weil Automobile volkswirtschaftlich doch so wesentlich sind und den Industriegesellschaften Geld ins Portemonnaie pusten, wie Hersteller und Regierungen meinen, geben eitle Schläfrigkeit und Indolenz der Beteiligten Anlass zur Besorgnis.

Das Peter-Prinzip kann nicht nur der Allein-Schuldige sein.

Ist die Abwrackprämie der Supergau?

Die Abwrackprämie und ihr zumindest in Deutschland riesenhafter Erfolg war weder ein Triumph der Politik, noch ein Sternstunden-Ereignis der Automobilindustrie, sondern allein Zeichen ihrer mangelnden Kreativität und Visionskraft.

In Wahrheit wird sich diese Zerstörungsprämie als Supergau ihrer zukünftigen, extrem labilen Existenz beweisen. – Der Attraktivitätsverlust des Automobils wird eng mit dem Jahre 2009 verbunden bleiben: Den Machern der Abwrackprämie ist die massenpsychotische Negativ-Bedeutung als bleibendes, virulentes Ereignis bisher kaum bewusst, insofern nämlich, als dass Schnäppchen – und Vorteilsjäger die zukünftige Haupt-Clientel sein wird.

Der verlorengegangene Glamour des Automobils

An die Zukunft haben sie nicht gedacht: Das Auto hat ab sofort seinen Glamour, seine Würde, seine besitzerstolzausübende Zugkraft verloren. Der Deal gleicht dem des Mehrwegpfandsystems: „leere Flasche“ gegen „volle Flasche“.

Damit verliert das Automobil seinen Kult-, bzw. Kulturwert. Das Mystische der Identitätsmaschine liegt am Boden.

Tarnung und Verhüllung ist „In“

Das Auto wird sich äußerlich vor Scham verhüllen. Der Lack glänzt matter. – Das offensive Outing von glitzerndem Schwarz, Weiß und Silber macht einer Philosophie des Tarnens Platz. Anstelle von Rasanz und Dynamik kommt behäbiges Gleiten.

Mit Taupe (frz. Maulwurf) sind alle neuen Farben überzogen, ob
Racing-Green, Greige (bestehende aus: Grau + Beige), Ocker, Wüstensand, Vermillon-Rot, oder Bronze und Titan, Kaktus oder Farngrün.

Die neuen Autos erscheinen im Mimikry-Gewand und tragen Trauer. Sie haben das Hätschelkind-Privileg verloren, sind austauschbar, geschlechtslos, teuer und grau. Wir haben schon immer gewusst: Es gibt nichts Hochnäsigeres als vorgetäuschte Bescheidenheit verborgen hinter blasser Unauffälligkeit. Ein paar bunte Farben existieren noch, sind aber nichts wert, sondern sind kaum anderes als bloße Staffage unausgeübter Heiterkeit und fehlenden Optimismus.
– Was bleibt, ist die Hoffnung, auf dass uns die paar übrig gebliebenen Altkarossen noch lange erhalten bleiben, die trotz angesetzter Patina und altem Glanz schöne Tugenden durchblicken lassen.

Fazit:

Autos müssen Vieles sein: vielfältig und ambivalent, vernünftig, elegant, großartig, sensibel, unvernünftig, einzigartig, innovativ, archaisch, blinkend, kolossal, zartgliedrig, unverschämt, dynamisch, statiös, menschlich, kameradschaftlich etc., jedoch niemals bescheiden und übersehbar.
Axel Venn 2009