Zur Konzeption der DFZ-Tagung  „Farbe in der Bildung“ (2010)

„Farbe“ tritt nicht isoliert auf! Farbe ist Teil der sinnlichen Welt. Die Frage, welche Rolle Farbe in der Bildung spielt, ist die Frage danach, welche Rolle die sinnliche Welt in der Bildung spielt – spielen könnte, spielen sollte.

Heute sind sowohl die allermeisten Bildungsinhalte als auch Bildungsmethoden am naturwissenschaftlichen Denken orientiert.
Nun sieht Naturwissenschaft aber die sinnliche Welt als „Illusion“ an (genauer gesagt, als „Erfindung des Gehirns“, was etwas anderes als eine „Illusion“ ist, aber lassen wir das…). Etwas „über die Farben zu lernen“ heißt für den naturwissenschaftlich geprägten Menschen, die Illusion zu „durchschauen“ und sich mit den Strukturen zu befassen, die „hinter“ der Illusion stehen.
Derartige Paradigmen stehen erkenntnistheoretisch auf wackeligen Füßen, was jeder, der sich damit ernsthaft beschäftigt, auch einräumt, aber trotzdem scheint es den unbedenklich-naiven Umgang mit Wissenschaftsergebnissen in der Bildung nicht in Frage zu stellen. Und gerade dadurch, dass Naturwissenschaft (insbesondere Genetik und Neurophysiologie) auch die Beantwortung philosophischer und religiöser Fragen übernimmt, führt sie zur Entfremdung des Menschen von seiner Lebenswirklichkeit. Was er denkt und zu wissen glaubt hat keinen Zusammenhang mehr zu dem, was er sieht, fühlt, verantwortet, was für ihn wichtig und Basis seiner Entscheidungen ist.

Fundamentaler Kritikpunkt: Farbe (Sinnlichkeit) wird als „mentale Repräsentation der Wirklichkeit“ gedeutet, und zwar heute mehr denn je! Mit anderen Worten:  Der Wahrnehmende und über sein Wahrnehmen reflektierende Mensch gehört nicht zur Wirklichkeit (eine seit Heisenberg eigentlich nicht mehr als seriös geltende Auffassung.)  Ist es dann ein Wunder, dass man „den Menschen“ in den Ergebnissen der Wissenschaft nicht findet, stattdessen Gene und Gehirne?
Noch eine kleine Anmerkung, die einen weiteren Schauplatz  zum Thema „Entfremdung des Menschen durch unreflektiertes naturwissenschaftliches Denken“ kennzeichnet:  „Mein Gehrin denkt!“ „Mein Gehirn sieht/produziert Farben,“ hören und lesen wir allerorten. Doch Gehirne denken nicht und produzieren keine Farben. Menschen (Persönlichkeiten) denken und sehen. Es ist immer das Bezugssystem zu beachten: Ein Lebewesen physikalisch zu untersuchen, blendet das lebende Wesen aus. Seelische Vorgänge physikalisch zu untersuchen, blendet die seelischen Vorgänge aus. Die Logik der Gedanken kann nur auf logischer Ebene untersucht werden, nicht auf  Nervenebene usw. – Vergleichbare Fragestellungen werden in der sog. Qualia-Debatte diskutiert.

Wahrscheinlich aufgrund des oben bereits erwähnten, nicht weiter hinterfragen Konsenses, dass es „Farben eigentlich nicht gibt“ (und dass man seinem subjektiven, durch Sinnlichkeit vermittelten Weltbild nicht recht trauen dürfe) wird in der schulischen Bildung die Einübung der sinnlichen Wahrnehmung bzw. des Handelns mit Sinnlichkeit weitgehend ausgeblendet und dem künstlerischen Handeln und Empfinden der Bereich subjektiver Willkür zugeordnet.  (Zum Handeln mit Sinnlichkeit gehört z.B. auch, mit Farbe und Pinsel zu malen, ein Musikinstrument zu spielen, mit Farb- und Klangmaterial zu improvisieren, (Natur-) Situationen wahrzunehmen und sprachlich-poetisch aufzuarbeiten u.a.) Stattdessen geht es um das „Denken über“ anhand von Modellvorstellungen. Doch im Fokus der Betrachtung steht nicht die Farbigkeit, sondern Begleitphänomene, die parallel zur Farbempfindung – mehr oder weniger eng korrliert – im Bereich physikalischer, chemisch-biologischer, neurologischer etc. Prozesse meßbar sind. Dabei spricht man nicht über Empfindungen, sondern präsentiert „Erklärungen“ anhand von Modellen. Modelle sind abstrakte Vorstellungsbilder (Strukturen), die helfen sollen, Vorstellungen über das Zustandekommen von Wahrnehmungen in sich widerspruchsfrei ordnen zu können. Modelle sind per Definition außerhalb der Wirklichkeit als deren abstrakte Stellvertreter angesiedelt – das ist ja gerade der Sinn von Modellvorstellungen in der Wissenschaft.

„Farbe in der Bildung“ bedeutet für mich in erster Linie dieses: In unserer Lebenswirklichkeit ereignet sich Farbe (Farbigkeit) als Lebensbegegnung. Jede Begegnung bildet! Die Frage ist nur: Wie gehen wir mit dem, was wir als sinnliche Wirkichkeit finden, um? Wie denken wir über sie? Wie handeln wir mit ihr? Wie differenzieren und vertiefen wir unser Erleben dieser Wirklichkeit? Welche Rolle spielen wir selbst in dieserm Prozeß? Und was heißt es „wirkichkeitsgemäß“ darüber zu denken? In diesem Abschnitt wird das Wort „Wirklichkeit“ ein bißchen überstrapaziert. Ich möchte hier nicht philosophisch werden, und selbstverständlich sollte man sich davor hüten, die sinnliche Gestalt unserer unmittelbar gegebenen Lebenswirklichkeit gleichzusetzen ist mit der  „letzten Gestalt“ von Wirklichkeit. Da die Tagung „Farbe in der Bildung“ keine philosophische, sondern eine pädagogisch-didaktische Ausrichtung hat, sollen diese Fragen hier genügen. Klar wird dabei jedoch, dass auf der Tagung einige grundlegende Paradigmen und ihre Widersprüche, die das wissenschaftlich geprägte Denken im Bezug auf den Menschen, seine Natur und Kultur (und damit auch über Bildungsideale) verinnerlicht hat, zur Sprache gebracht werden sollten, um sich vor Einseitigkeit zu bewahren:

Es geht nicht nur darum, die zahlreichen Facetten des Vermitteln von „Wissen über Farbe“ als Inhalt von Bildung darzustellen,
sondern darum, die „Bildungs-Potenz“ der sinnlichen Erscheinungswelt für die Entwicklung des individuellen Menschen aufzuzeigen. Hier geht es nicht nur um Kunstunterricht – hier geht es von der Biologie über die Physik hin zu Literatur, Sprache, Bewegung, Ausdruck, Wahrnehmungs- und Denkschulung. Es geht um unser „Bild der Welt“ (die Repräsentanz, die „Welt“ in unserem Bewußtsein hat), und um unser eigenes Leben, und darum, wie sich beides aufeinander bezieht.

Darum rege ich an, dass die Tagung Möglichkeiten herausarbeiten möge, wie gerade der Umgang mit dem Phänomen Farbe Perspektiven birgt, aus dem Zwangsapparat einer in sich widersprüchlichen und naiv interpretierten Wissenschaftlichkeit auszubrechen und Bildungsziele und -Methoden am Menschen und seinen produktiven, kreativen, empathischen, sozialen Kräften zu orientieren.

– Einer farbigen Welt aktiv wahrnehmend (emphatisch) zu begegnen, mit ihr zu handeln, ihre Erscheinungen und das eigene Wahrnehmen zu reflektieren – bildet!
– Rede nicht über Farben, erzähle von ihnen, wie von einem guten Bekannten, am besten wie von dir selbst. Rede nicht über einen Abwesenden. Sprich mit ihm, oder erzähl von ihm, weil er Teil auch  Deines Lebens ist.
– Die Wissenschaft der Farbe ist zugleich die Wissenschaft von meinem In-Der-Welt-Sein.

Was jeder Mensch normalerweise lernen kann:
– sprechen, malen und zeichnen (singen, musizieren, sich bewegen, spielen, interagieren)
– beobachten, einfühlen, denken, reflektieren, imaginieren
– Verantwortung übernehmen, bewusst Urteile und Entscheidungen treffen, usw.
Das macht sein Menschsein aus. Bildung hat die Aufgabe, dieses Sein zu ermöglichen, indem es im Lauf der individuellen Biografie die menschliche Konstitution formt (bildet), verwandelt.

Das geht nicht einseitig über Wissensvermittlung und Modelldenken. Es lässt sich durch das Erschließen und reflektierende Durchdringen der eigenen Lebenswirklichkeit (und die ist nun mal eine farbige!) erreichen.
– lerne hinzuschauen, zu staunen, zu entdecken
– selbst zu denken und zu fragen
– Begegnung interaktiv zu gestalten, und dich mit dem, was dir begegnet, existenziell zu verbinden (statt es lediglich intellektuell abzuspiegeln)

Diesen Themenkomplex halte ich für so wichtig, dass er auf unserer Tagung „Farbe in der Bildung“ im Jahr 2010 mehr Raum verdient als ein 3-Minuten-Statement am Rande einer Podiumsdiskussion. Gerne liefere ich dazu weitere Beiträge.


  1. Hallo Martin, wir hatten ja schon während der Berliner Veranstaltung am vergangenen Wochenende regen Austausch zum Thema. Auch ich sehe nicht die Wissensvermittlung als Inhalt der nächsten Tagung, sondern die Reflektion dieser Themen im Leben, in der Gesellschaft. Gerade die Schnittstelle von ‚Information über den Stand zur Farbforschung in Natur- und Geisteswissenschaft‘ mit dem, was die Gesellschaft daraus nicht nur erfährt, sondern auch erlebt, lebt,…Reflektion mit eigenem Erleben, ist für mich elementar.

    Hier ein Versuch eines Statements, verbunden mit der Anregung, nochmal mutig einen Findungsworkshop für die Tagungsinhalte einzuwerben.

    Die geplante Tagung ‚Farbe in der Bildung‘ darf nicht nur ‚Wissensgebiete aufzählen‘, sondern muss, gerade weil sie wahrscheinlich nur einmal stattfinden wird, Impuls auslösen und Resultate aus diesem Wissen aufzeigen. Der Besucher der Tagung darf m.E.nicht nur mit Wissens passiv überschüttet werden, sondern muss mit Anregungen abfahren. Anregungen zum Handeln, Bestätigung, dass Farbe nicht nur Wissen ist. Darin kann ich einen Erfolg der Farbtagung erkennen, die auch nach aussen weiterwirken möchte.

    Ich erlebe selbst, dass Menschen sich mit Wissen um Farbe erst dann befassen möchten, wenn sie Farbe zunächst ERLEBT haben und ein individueller Impuls ausgelöst ist, neugierig auf Erfahren von Hintergründen geweckt ist. Nicht andersherum.

    Eine solche Tagung fordert auch von den Vortragenden eine neue Vermittlungsform ihres speziellen Wissensgebietes. Die Öffentlichkeit ist interessierter als oft angenommen – nur steht sie meist draussen, ausserhalb der Hochschulen, und will doch von dieser ‚Bildung‘ auch etwas lernen. Die lange Liste der zu Vortrag angefragten Personen ist schon beeindruckend – Axel Büther hat natürlich alle Register angefragt – allen Respekt dafür! Aber sicher nicht nur meine Frage ist, was ist mit den Inhalten dieser Wissensvermittlungen geworden? Bildung der Gesellschaft? Oder nur einer in sich geschlossenen interessierten Gruppe (z.B.Hochschule)?

    Für mich entsteht die Möglichkeit des Handelns aus einer Mischung: eigenes Erleben und dazu dann Neugier auf das Schaffen von Wissen darüber. Aber nicht aus Wissen vermitteln und dann?…

    Ich wünsche dem Deutschen Farbenzentrum, dass es den rein wissenschaftlichen Weg und diese Art der Tagungen verlässt und auch andere Werte öffnet – das bietet das Thema FARBE doch an.

    Gerne sollte diese Thematik bereits schon vor 1 Woche Diskussionsbeitrag zum Workshopthema sein. Aber es kam anders…

    herzliche Grüße
    gisela

  2. Liebe Gisela, lieber Martin,
    ich weiss ja nicht wie was kam beim Workshop, manchmal fokussieren sich Themen ja ungewollt in der Kürze der Zeit.
    jedoch kann ich als Teilnehmerin der Vorbereitungsworkshops versichern, dass der farbsinnliche Aspekt keinesfalls zu kurz kommen wird und wir tolle Künstler und Praktizierende schon fest eingeplant haben.
    Bei uns ist Wissenschaft, was Wissen schafft. Dazu gehört natürlich das Erleben:-))
    liebe Grüße
    Susanne

  3. Liebe Gisela, liebe Susanne,

    Gisela, Dein höflich-diplomatisches Statement signalisiert, dass Du nicht polarisieren möchtest und eine Brücke suchst, die viele beschreiten können. Da wünschst Du Dir z.B. auf der Tagung die „Bestätigung, dass Farbe nicht nur Wissen ist.“ Aber im Grunde genommen weißt Du genau und bringst auch zum Ausdruck, dass Farbe etwas grundsätzlich ganz anderes als Wissen ist – nämlich sinnliches Erleben in der Gegenwart.
    Wissen entsteht, wenn man (systematisch bzw. methodisch) über Erfahrungen reflektiert. (Was sich hinter dem Begriff der Erfahrung verbirgt, möge ein andermal ausgeführt werden.) Unter Wissen soll hier das verstanden werden, was man aufschreiben und „schwarz auf weiß nach Hause tragen“ kann. Dieses Wissen trägt immer Vergangenheitscharakter, da es aus der Erinnerung reproduziert werden kann, auch wenn es auf aktuelle Fragestellungen bezogen wird.
    Das Kernproblem, mit dem es eine überwiegend wissenschaftlich ausgerichtete Tagung „Farbe in der Bildung“ zu tun hat, besteht m.E. darin, dass „Farbe“ eine sich im einzelnen, sehbegabten Menschen ereignende Gegenwart ist, Wissen „über“ Farbe diese Gegenwart weder ersetzen noch erklären noch vermitteln kann. Ich weiß schon, dass jetzt Widerspruch erweckt wird: „Natürlich können wir das Farbensehen erklären…“ wird da von Fachleuten eingewendet, und bevor wir diese Behauptung im Detail hinterfragen, verweisen wir an dieser Stelle lieber gleich auf die (ungelöste) Qualiadebatte. Denn so einfach ist das „Erklären“ nicht – und das ist gerade die Diskussion, die nötig ist, wenn wir nach dem Erkenntniswert und den Erkenntnisgrenzen naturwissenschaftlicher Betätigung im Bezug auf Fragen nach dem menschlichen Bewusstsein, nach seiner Moral, nach seiner Herkunft, seinem Selbstverständnis, seiner Bildung fragen.

    Die Grundfrage, die Dich interessiert, würde ich so interpretieren: Was können wir tun, um die Menschen, mit denen wir zu tun haben, zu einem Gegenwarts-Erlebnis hinzuführen? Und soviel ist sicher: Dieses Erlebnis ist spannend, unvorhersehbar, erschütternd, lebensentscheidend – weil es nicht aus der Vergangenheit kommt, sondern uns „staunend“ (im Aristotelischen Sinn) als von Wissen Unvoreingenommene überrascht. Und was tun Wissenschaftler, um die Qualität einer solchen Welterfahrung kritisch zu reflektieren, damit diese Reflektion für das Leben des Einzelnen nachhaltig Wert und Bedeutung hat? Was kann Wissenschaft dazu beitragen, die Lebenserfahrung des einzelnen fruchtbar zu vertiefen, seine Anschauungen lebensvoll zu erweitern, seine Fähigkeiten, sein persönliches Wachstum zu fördern? Sein Weltvertrauen, seine Daseinslust zu vertiefen? Seine Verantwortung zu stärken? Ich glaube, dass wir uns einig sind, solche Fragen für die nächste Tagung zu stellen. Gleichzeitig weise ich darauf hin, dass eine Wissenschaft, die dies vermag, erst in den Anfängen steht, und mir im Rahmen der DFZ-Tagungen noch nicht so recht begegnet ist.

    Darum frage ich weiter: Wo ist die Brücke zwischen Gegenwartserlebnis und reproduzierbarer (interjsubjektiver, mitteilbarer) Erkenntnis? Wie sieht eine Wissenschaft der Farben aus, die tatsächlich „Farben“ zum Gegenstand hat? Und was kann eine solche Wissenschaft für die Bildung derer bedeuten, die mit ihren Inhalten, Methoden und Ergebnissen umgehen? Das Substantiv „Farbe“ ist hier schon die erste Falle, denn sobald wir über Farbe in der vergegenständlichten Form sprechen, meinen wir schon ein Objekt der Erinnerung – und sind nicht mehr bei dem, was unser ursprüngliches Interesse weckte. Goethes „anschauende Urteilskraft“ (soweit man begreift, was er damit meint) kann sicherlich methodische Anregungen liefern. Anders formuliert: Die Frage zielt auf eine sich selbst reflektierende Auseinandersetzung mit Methoden wissenschaftlicher Betätigung, am Beispiel der aktuellen (und einer zukünftigen) Farbenforschung. Schade, dass ich anscheinend mit diesem Anliegen ein Exot im DFZ bin, dem nicht einmal ein Fachgebiet zugeordnet werden kann, und dem ein Heer habilitierter „Farbenforscher“ gegenübersteht, die schon „fast alles“ über Farben wissen (auch wenn nicht ersichtlich ist, ob sie selbst jemals der Farbigkeit beispielsweise einer Blüte anteilnehmend begegnet sind, und ob solche Begegnungen jenseits der Hochschule oder des Instituts in ihrem Leben eine Rolle spielen.)

    Womit ich gerne auf Susannes Statement eingehe, auch wenn ich Dir vieles unterstelle, was Du selbst nicht direkt geschrieben hast. Ich nehme Deinen Eintrag als Steilvorlage. Es schaut so aus, als ob wir (auf naturwissenschaftlichem Gebiet) eine echte Fleißtagung bekommen, auf der wir „nichts auslassen“. Und da sich Wissenschaft (intersubjektiv, reproduzierbar, verbindlich, Grundlage des menschlichen Selbstverständnisses) und Kunst (im heutigen Verständnis: subjektiv, subjektivistisch, nicht reproduzierbar, willkürlich und offen für jede beliebige Interpretation und Aneignung) genauso beziehungslos gegenüberstehen wie Vergangenheits-Bewußtsein und Gegenwartserleben, laden wir ganz viele Künstler ein, die zeigen, wie kreativ und sinnlich man mit Farben umgehen kann. Sozusagen der sinnliche Ausgleich zur trockenen Theorie der „Farbenforscher“. Und selbstverständlich lassen wir alles gelten: Wenn Prof. X sagt: „Farben sind Wellenlängen“ gilt das genauso wie der Ausspruch von Profl Y: „Farben sind Erfindungen des Gehirns“ oder der inbrünstige Spruch von Cezanne über Farben als „die Begegnung von Gehirn und Universum“, oder die Feststellung, dass „Farben ein hervorragendes Marketinginstrument“ seien, und dass es „Farben eigentlich nicht gibt“…, und dann sagt der Wohlmeinende: „Ja, die haben alle recht. Es kommt nur auf den Standpunkt an, und wir möchten uns doch vertragen (und Zuschüsse erhalten), und bitte sei doch nicht so arrogant, zu behaupten, Farben seien das „ganz andere“, nämlich das, dem alle Vorredner verdanken, dass sie Wirkungen, Begleiterscheinungen und Korrelationen beobachten und Modelle, Hypothesen und Theorien entwickeln können. Und Martin, was meckerst Du denn? Wir haben ja auch noch die Künstler, die uns durch die Kraft ihrer Werke interessante, aufregende Sinneseindrücke bescheren. Die Künstler, die uns zeigen, wie großartig Farben sind…. Auch die Künstler haben Recht, auf ihre Weise! Nun verbohr Dich doch nicht so in Deine Kritik, denn alles ist wahr, und die Welt ist bunt, und alle zusammen machen den Farbklang der Gesellschaft aus (und so weiter und so fort….)

    Für mich klingen solche Sätze (die ich sinngemäß öfter zu hören bekomme) wie eine Resignation. Da spricht der feste Glaube an die Unantastbarkeit eines Wissenschaftsbetriebs, der seine eigenen Grundlagen und Methoden unzureichend reflektiert und seine Bedeutung für die Bildung, das Leben und Selbstverständnis des Menschen und der Gesellschaft aus den Augen verloren hat. Ein Wissenschaftsbetrieb, der lieber gar nicht darüber nachdenkt, dass er Teil der gesellschaftlichen Realität ist und nur sich und seine Ergebnisse sieht, die ja durchaus kurzfristig nutzbringend angewendet werden können.
    In Anbetracht eines solchen Betriebs verhält man sich gern korrekt und relativiert die Aussagen über das, was man selbst als wahr erkennt. Man muss „alles gelten lassen“, auch den offensichtlichen Unsinn. – Und für die Fragen, die offen bleiben, sind die Künstler zuständig (ganz gleich welcher Art: selbstlos und bescheiden, verrückt und schizophren, egomanisch oder sozial-engagiert, wirtschaftlich orientiert, naiv und unbegabt, genial… und die schicken wir am besten auch noch in die Schulen und Kindergärten, um „Bildung“ zu veranstalten. Denn Kunst ist ja prinzipiell was Gutes, dem man weder Qualitäts- noch Werturteile entgegenstellen möge.)

    Auf die Schwachstellen des „Alles-Gelten-Lassens“ (samt dem Feigenblatt der kreativen, subjektiven, innovativen, sensationellen Künstler) weise ich mit einigen Fragen hin:

    -Wo sind die Künstler, die durch Naturwissenschaft in ihrem Schaffen beflügelt werden? (Ich meine jetzt nicht die Computerkünstler, die Apfelmännchen programmieren oder die Farbgestalter, die einen RAL-Design-Fächer bzw Lab-Werte im Grafikprogramm benutzen. – Ich bin ja selbst als Künstler eingeplant, einen 20-Minunten-Praxisworkshop zu geben, mehr so im Bereich Unterhaltungsprogramm, wo man Farbe auch mal richtig anfassen und verpinseln darf, während im Nebenraum Prof. Spitzner das Gehirn und das Farbensehen „erklärt“.)
    – Welcher eingeladene Wissenschaftler spricht über „Farbe“ als das Element, das sein Leben verändert, formt, bildet?
    – Wer reflektiert den verheerenden Einfluss eines ideologisch verkürzten naturwissenschaftlichen Weltbildes (zu dem auch die „Farben im Gehirn, die „farbigen Wellenlängen“ und die „biologische Evolution des Farbensehens“ gehören) auf die Wertschätzung individueller Welterfahrung und auf das persönliche Gestalten von Lebensbegegnungen? Auf das menschliche Selbstbild und auf das, für was wir „die Natur“ halten und dementsprechend mit ihr handeln? Auf die Ideale schulischer und gesellschaftlicher Bildung? Wer schildert denkbare Alternativen im Sinne einer „anschauenden Urteilskraft“ bzw. einer gegenwartsorientierten Erkenntnis-Intention?
    – Weitere Fragen: Welchen Farbenforscher interessiert es, dass Jugendliche 2,5 Stunden täglich vor dem TV sitzen und süchtig nach reproduzierten Vergangenheitserlebnissen sind, nicht fähig, der Gegenwart zu begegnen? Sich nicht mehr auf den Vorgang hingebungsvollen Wahrnehmens einlassen können, weil sie von (perfekt farbkalibrierten) Medien zugemüllt werden? Wer referiert darüber, dass das bisschen „Medienkompetenz“, das man im Schulunterricht vermitteln möchte, in keinem Verhältnis steht zur (in keinem Lehrplan auftauchenden) Gegenwarts-Kompetenz, die – wäre sie entwickelt – die Medien in ihrer Attraktivität relativieren würde? Gegenwarts-Kompetenz: das ist Erziehung ZUR Farbe, und zugleich Bildung DURCH Farbe.

    Die Tagung „Farbe in der Bildung“ ist eine Chance, das Verhältnis unseres „Denkens über“, unseres „Handelns mit“ und unseres „Gebildetseins“ (was ja die Qualität der Verknüpfung von beidem zum Ausdruck bringt) zu hinterfragen und bewusst zu gestalten. „Farbe“ ist die Schnittstelle – sie fordert eine solch interdisziplinäre Fragestellung geradezu heraus.